Sommersonnenwende (ER):

(von Towanda)

Vorbemerkung:

Das Genre Fanfiction beherbergt diverse Unterkategorien, die ich hier nicht alle aufführen will, frau findet sich schon nicht mehr durch. Jedenfalls war mir danach, eine eigene Unterkategorie zu erfinden, die Kategorie der Kitschfics. Eine Kitschfic hat folgende Kriterien zu erfüllen:

1. Die Story muss unter tiefstem PMS-Einfluss geschrieben sein.
Alternativ:
unter erheblichen seelischen Schmerzen geboren.

2. Es muss mindestens ein Naturschauspiel (Sonnenuntergang, Vulkanausbruch, Regenbogen, Sternschnuppe o.ä.) vorkommen.
Alternativ:
Mindestens ein schmalziger Lovesong.

3. Der Kitsch darf nicht unterhalb der Schmerzgrenze bleiben
Keine Alternative.


Hier also ein Beispiel:

Pairing: Kerry Weaver/Kim Legaspi
Spoiler: keine
Rating: PG-13
Disclaimer: Selbstverständlich gehören weder Kerry Weaver noch Kim Legaspi und schon gar nicht Sandy Lopez mir (letztere will ich auch gar nicht haben). Sie alle gehören Warner Bross.

 


Kapitel I

Ich werde nie aufhören, mich darüber zu wundern, wie Amy es mit ihren kurzen Beinchen schafft, jedesmal als erste am Wasser zu sein.

“Mama”, rief sie schon von weitem, “Komm’ schnell, unsere Ritterburg ist noch da!”

“Geh’ nur, Schatz. Sandy und ich suchen schon mal ein nettes Plätzchen für uns.” Tom nahm mir lachend die Handtücher ab.

Sandy steuerte schon auf eine freie Stelle ein paar Meter weiter zu. “Sieh an, die Menschheit hat uns tatsächlich noch ein Fleckchen übriggelassen.”

“Maaamaaa!”

“Ja, Amy, ich komm’ ja schon... In welcher Tasche sind Amys Schwimmflügel?”

Sandy versuchte, gleichzeitig durch den Sand zu stapfen und mit ihrem linken Arm in ihre Tragetasche zu langen. “Voilà!” sagte sie triumphierend und zog etwas leuchtend Oranges aus der Tasche. “Da haben wir doch schon den ersten für Ms. Amy.”

“Maaamaaa! Koommm!”

“Ja, Schätzchen, ich bin gleich bei dir. Mama sucht nur noch deine Schwimmflügel!”

“Und hier haben wir den zweiten.” Sandy reichte mir die Flügel und ließ sich erschöpft in den Sand fallen. “Komm schon”, wandte sie sich an Tom. “Ich bin eine alte Frau, ich finde, wir haben genug für heute getan.”

Tom holte die Sonnencreme raus. “Genau, wir schleppen hier unter glühend heißer Sonne den halben Hausrat durch die Gegend, während meine Frau es vorzieht, Sandburgen mit ihrer Tochter zu bauen und meine Schwiegermama es sich im Hotel gemütlich macht.”

“Du weißt genau, dass Kerry die Hitze nicht mehr so gut abkann”, verteidigte ich Mom, während ich seinen Rücken eincremte. Er hatte schon gestern zu viel Sonne abbekommen, und ich hatte keine Lust, mir abends im Bett Toms Klagen anzuhören.

“Ich wünschte, ich könnte mich auch mal einen Tag im Hotel an den Pool zurückziehen”, seufzte ich. “Aber du siehst ja, dass deine Tochter unermüdlich ist.”

“War doch nur Spaß.” Tom drehte sich um und drückte mir einen weißen Fleck Sonnencreme auf die Nase. “Sag’ Bescheid, wenn ich dich beim Burgen bauen ablösen soll. Schließlich bin ich Architekt und habe eine gewisse Ahnung von Statik.”

“Ach, und du glaubst, dass Biologinnen keine stabilen Sandburgen bauen können? Na, warte...”

“Mama, ich habe einen Krebs gefunden! Er wohnt jetzt in meiner Burg!”

“Ja, Amy, ich komme!” Ich stapfte zum Wasser und versuchte dabei, den Schmerz zu ignorieren, den die Hitze des Sandes in meinen Fußsohlen auslöste. “Komm’ her, Amy. Zuerst die Schwimmflossen.”

Amy reichte mir gehorsam ihre Ärmchen und hielt geduldig still, während ich Luft in die Flossen blies.

“Siehst du den Krebs, Mama? Ich habe ihn Ralph getauft.”

“Ralph?” Ich musste lachen und prompt entwich die Luft pfeifend wieder aus den Schwimmflossen. “Das ist aber ein schöner Name für einen Krebs.”

“Ja, er hat mir eben erzählt, dass er schon ganz lange kein Zuhause mehr hat. Eigentlich ist er ein alter Krebskönig, aber seine Burg wurde von einem Tintenfisch zerstört und so hat er sein Königreich verloren.” Amy sah liebevoll auf den Krebs. “Aber jetzt wohnt er ja bei uns”, sagte sie zärtlich.

“Na, da hat König Ralph ja nochmal Glück gehabt.” Ich setzte mich neben sie in den Sand und reichte ihr ihre Schaufel. “Wie ich sehe, müssen einige Renovierungsarbeiten getätigt werden.”

Amy griff eifrig nach der Schaufel und begann, die Spuren zu beseitigen, die das Meer über Nacht hinterlassen hatte. Offensichtlich benötigte sie meine Hilfe nicht, und so ließ ich meinen Blick über das türkis schimmernde Meer schweifen, während ab und zu eine vorwitzige Welle über meine Füße schwappte. Ich war so glücklich, dass hier alles so gut klappte. Die letzten zwei Jahre hatten wir keinen Urlaub machen können, weil Amy noch zu klein war. Aber diesen Sommer hatten wir es das erste Mal gewagt und bei der Gelegenheit Kerry und Sandy gleich gefragt, ob sie mitfahren wollten. Nicht nur, dass ich meine beiden Mütter einfach gerne bei mir hatte. Sie entlasteten mich auch deutlich in bezug auf Amy, und so waren es sogar für mich zwei erholsame Wochen geworden.

“Hanna?”

“Was ist?” Ich drehte mich um und suchte mit den Augen den Strand ab.

Tom winkte. “Hast du was dagegen, wenn Sandy und ich zum Kiosk gehen und für uns Eis besorgen?”

“Kein Problem. Ich passe auf die Sachen auf.”

“Papa, ich will Erdbeere und Vanille”, rief Amy und watete ins Wasser, um für König Ralph eine Königin zu suchen.

“Okay, Ms. Amy, Bestellung aufgenommen.” Tom grinste. “Für dich das Übliche, Schatz?”

Ich nickte und sah den beiden nach, wie sie angeregt plaudernd den Strand entlang schlenderten. Tom und Sandy hatten sich von Anfang an blendend verstanden, sie lagen deutlich auf derselben Wellenlänge, und nie gingen ihnen die Gesprächsthemen aus. Toms Verhältnis zu Sandy war wesentlich besser als das zu seiner eigenen Mutter, und ich freute mich für ihn, obwohl mich zugegebenermaßen manchmal fast so etwas wie Eifersucht beschlich.

Mit Kerry war das ganz anders. Tom und sie akzeptierten sich, sie mochten sich auch, aber trotzdem wurden sie nie richtig warm miteinander. Vielleicht lag es daran, dass es grundsätzlich etwas schwierig war, mit meiner Mom warm zu werden. Sie war ein zurückhaltender, introvertierter Mensch und gesellige Anlässe jeglicher Art waren ihr ein Greuel. Auch der Strand war eigentlich nicht so sehr ihr Fall, aber sie wollte sich einen Urlaub mit der ganzen Familie nicht entgehen lassen, und ich rechnete ihr hoch an, dass sie sich für diese Tage extra freigenommen hatte.

“Mama!”

Amys Schrei riss mich aus meinen Gedanken. “Was ist los, Schatz?!” Ich sah in das schmerzverzerrte Gesicht meiner Tochter. “Um Gottes Willen, Amy!”

Amys hielt mir ihren blutüberströmten Fuß entgegen, offenbar war sie in etwas Scharfkanntiges getreten. Ich versuchte, ihr Bein hochzuheben, um mir die Wunde anzusehen, aber das Blut schoss überall hin. Zu allem Übel wurde mir schwindelig, ich konnte noch nie Blut sehen, und schon gar nicht das meiner eigenen Tochter. “Hilfe!” rief ich verzweifelt und winkte in Richtung Strand. “Meine Tochter!”

Ich sah, wie eine ältere Frau sich erhob und auf uns zugelaufen kam. “Kann ich Ihnen helfen?”

Ich wies auf die Blutlache im Sand und versuchte gleichzeitig, mein schreiendes Kind zu beruhigen.

Die Frau kniete sich hin, um sich die Wunde anzusehen. “Das sieht nach einer Glasscherbe aus. Wir müssen Ihre Tochter sofort verbinden.” Sie erhob sich wieder. “Warten Sie, ich hole ein Tuch. Ich bin gleich wieder da.”

Ich drückte Amy an mich und wiegte sie hin und her. “Warte, Amy, es wird alles wieder gut. Keine Angst. Ich bin ja bei dir. Wir gehen gleich zu der Oma, die hilft dir ganz bestimmt.”

“Hier”, rief die Frau, als sie wieder angerannt kam. “Lassen Sie uns das hier nehmen.” Sie faltete ein gelbes Seidentuch zusammen und band mit schnellen Griffen die Wunde ab. “So”, sagte sie, “das hätten wir. Aber die Wunde muss sofort desinfiziert werden, vielleicht sogar genäht. Am besten, Sie fahren Ihre Tochter in ein Krankenhaus.”

“Vielen Dank für Ihre Hilfe, aber ich bringe sie erstmal zu meiner Mutter ins Hotel, vielleicht weiß sie, was zu tun ist.”

“Ich komme mit Ihnen, Sie können Ihre Tochter nicht allein ins Hotel tragen. Warten Sie, ich ziehe mir nur schnell eine Jeans über den Badeanzug und sage meiner Freundin Bescheid.”

Nach einer Minute war sie wieder zurück und half mir, Amy über den Strand zum Hotel zu tragen.

“Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll”, keuchte ich, während wir versuchten, im Gleichschritt die Hoteltreppen zu erklimmen.

“Das ist schon okay”, lächelte sie und strich Amy über die Stirn. “Es wird gleich alles gut werden. Bald tut es nicht mehr so weh.”

Amys Schreien war in leises, angstvolles Wimmern übergegangen. Ich fühlte mich so hilflos, und ich dankte allen Göttern dafür, dass die Frau neben mir so viel Ruhe ausstrahlte.

“Warten Sie einen Moment. Meine Mom wird sicher ihren Verbandskasten verlangen. Er ist dort in dem Auto.” Ich blieb stehen und überlegte, wo ich Amy solange hinsetzen konnte.

“Gehen Sie ruhig schon rein, ich mach’ das. Welcher Wagen ist es denn?”

“Der graue Ford direkt neben dem Hoteleingang.” Ich reichte ihr die Autoschlüssel. “Der Koffer liegt auf dem Rücksitz. Haben Sie vielen Dank.”

Sie nickte. “Ich beeile mich. Können Sie Ihre Tochter den Rest allein tragen?”

“Ja, das geht, Sie finden uns im Hotelgarten.” Ich drehte mich um und lief mit Amy auf dem Arm durch die Hotelhalle zum Pool. “Mom! Bist du hier?! Komm’ schnell her! Amy hat sich verletzt!”

Schon von weitem entdeckte ich Kerrys grauen Haarschopf. Sie lag in einer der Liegen und schaute sofort auf, als sie meine Stimme hörte. Im Nu war sie auf den Beinen. “Hol’ meinen Verbandskoffer aus dem Auto!”

“Eine Frau vom Strand holt ihn dir gerade”, rief ich atemlos und setzte Amy auf einer Bank ab.

“Amy”, Kerry lehnte ihre Krücke an die Bank und kniete sich zur ihr. “Es wird alles gut werden, hab’ keine Angst, meine Kleine.”

Amy streckte ihre Arme aus und umarmte Mom, als wolle sie sie nie wieder loslassen. “Es tut so weh”, wimmerte sie. “Es tut so weh.”

“Das machen wir jetzt alles weg”, sagte Kerry und streichelte Amy beruhigend über den Rücken.

“Hier ist Ihr Autoschlüssel und Ihr Koffer.” Die Frau vom Strand stellte den Koffer auf die Bank und beugte sich zu Amy. “Du machst das ganz toll, du bist sehr tapfer.” Im selben Moment, in dem sich die Frau über Amy beugte, drehte meine Mom sich um. Sie war kreidebleich im Gesicht, und ich dachte für einen Augenblick, sie würde ohnmächtig. Die andere Frau wich unwillkürlich zurück.

“Kerry…”

“Oma”, jammerte Amy. “Es tut so weh.”

“Ich weiß, mein Schatz, ich weiß...” Mom wandte sich wieder Amy zu. “Gibst du mir bitte etwas zum Desinfizieren, Kim?”

Die Frau, die Kim hieß, öffnete den Koffer und griff zielstrebig nach einer Sprühdose, zwei Tuben und Verbandszeug. Sie reichte Mom die Dose. “Ich glaube, Ihr müsst mit ihr ins Krankenhaus, das muss sicher genäht werden.”

Kerry knotete das Tuch auf, das die Frau Amy umgebunden hatte und untersuchte die Wunde. “Du hast recht”, sagte sie. “Dafür reicht mein Erste-Hilfe-Koffer nicht.” Sie drückte ihr den provisorischen Verband in die Hand und griff nach den Mullbinden. “Dein Seidentuch ist wohl hinüber, Kim.”

Ich setzte mich auf die Bank und starrte zu meiner Mom und zu der Frau. Sie wirkten wie ein eingespieltes Team, wie sie da standen, über Amy gebeugt, und leise miteinander sprachen, während die Frau Mom verschiedene Dinge aus dem Notfallkoffer reichte. Und da erinnerte ich mich plötzlich. Ich kannte diese Frau. Ich hatte sie auf Fotos gesehen. Nicht auf eingeklebten Fotos, auf einzelnen Fotos, die ich hier und da zufällig gefunden hatte. In Büchern, in Schubladen, zwischen Akten. Ich hatte die Fotos immer wieder sorgsam auf ihren Platz zurückgelegt und es nie gewagt, Mom darauf anzusprechen.

Erst hatte ich gedacht, es handele sich um eine Filmschauspielerin, weil die Frau so unwahrscheinlich schön war und weil die Fotos nicht eingeklebt waren. Aber dann entdeckte ich Bilder, die eindeutig privater Natur waren, und eines Tages fiel mir ein Foto in die Hände, auf dem sie zusammen mit meiner Mom zu sehen war, damals noch mit roten Haaren. Ich hatte mir vorher nie vorstellen können, dass Kerry tatsächlich mal rote Haare gehabt hatte, aber als ich das Foto sah, war ich überrascht, wie gut es ihr stand.

Amy schob ihre kleine Hand in meine, und ich küsste sie auf die Wange. “Es wird alles wieder gut”, tröstete ich sie. “Wir müssen wohl noch in ein Krankenhaus mit dir, so eines wie das, wo die Oma arbeitet. Aber bald kannst du wieder spielen... Dauert es noch lange?” wandte ich mich an Kerry.

Sie schüttelte den Kopf. “Noch zwei Minuten, Hanna.”

Ich drückte Amys Hand und beobachtete, wie die Frau ihr leise, beruhigende Worte sagte. Sie konnte offensichtlich gut mit Kindern umgehen. Ob es nun meine Hand oder ihre Worte waren, auf jeden Fall wurde Amy ruhiger.

Die Frau trug ihre Haare kürzer, als ich sie von den Fotos kannte, und auch keine Locken mehr, aber ich erkannte die Gesichtszüge genau wieder, und ich erkannte auch die blauen Augen, die auf den Fotos so hervorstachen, sie waren mir schon am Strand aufgefallen.

“Das war’s Hanna.” Kerry erhob sich mühsam. “Lass’ uns losfahren. Sie muss genäht werden.” Sie tätschelte Amys Wange. “Vielen Dank für deine Hilfe, Kim. Wir sollten uns beeilen...”

In diesem Moment kam Sandy in den Hotelgarten gerannt. “Was ist denn los? Ihr wart einfach weg und habt unsere Sachen unbeaufsichtigt zurückgelassen...”

“Sie brauchen keine Sorge zu haben, meine Freundin hatte auf Ihre Sachen aufgepasst...”

“Wer sind Sie denn?” fragte Sandy verblüfft und blieb stehen.

“Sandy, das ist Dr. Legaspi. Sie hat uns geholfen, wir… kennen uns von früher.” Mom drehte sich zu mir. “Liebes, wir sollten jetzt wirklich los...”

“Mein Gott, was ist denn passiert?” Sandy hatte jetzt den Verband um Amys Fuß entdeckt und lief auf die Bank zu. “Hast du dich verletzt, Amy?”

Amy streckte Sandy zur Begutachtung ihren dicken Fuß entgegen. Offenbar ging es ihr jetzt deutlich besser als noch vor ein paar Minuten, die Schmerzen hatten nachgelassen, sie war stolze Trägerin eines Verbandes und stand außerdem unbestritten im Mittelpunkt des Geschehens.

Sandy nickte anerkennend. “Das sieht ja ganz schön gefährlich aus, Ms. Amy...”

“Wir vermuten, es war eine Glasscherbe.” Ich nahm Amy auf den Arm und griff nach den Autoschlüsseln. “Wir sollten losfahren. Wo ist eigentlich Tom?”

“Noch am Strand, wir hatten uns geeinigt, dass ich erstmal gucke, ob Ihr vielleicht hier seid.”

Dr. Legaspi hob ihre Hand. “Fahren Sie ruhig los, ich gehe jetzt eh zurück an den Strand und kann ihm Bescheid sagen, ich weiß ja, wo Ihre Sachen liegen.”

Wir machten uns auf den Weg zum Auto. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Mom einen kurzen Moment zögerte, als sie an Dr. Legaspi vorbeieilte. Dann stiegen wir ein und fuhren Amy ins nächstgelegene Krankenhaus.

 

Kapitel 2

 

Lesbian Fiction