Ein Zufall kommt selten allein

von Towanda

 

Vorbemerkung:

Pairing: Dr. Kim Legaspi/ Dr. Kerry Weaver

Spoiler: Keine. Die Geschichte spielt in der 9. Staffel, bezieht sich
aber hauptsächlich auf Ereignisse in der 7. Staffel. Sie geht davon aus, dass Kerry keine Fehlgeburt erleidet, sondern ihr Kind tatsächlich zur Welt bringen wird.

Rating: PG-13

Anmerkungen:
1. Fanfiction ist ja immer so eine Sache. In der Regel wird vorausgesetzt, dass die Leserin die Figuren kennt, also werden sie nicht ausführlich eingeführt, sondern tauchen einfach wie selbstverständlich auf. Die Figuren und ihre Eigenheiten nicht zu kennen, bedeutet natürlich nur den halben Spaß, aber das muss nicht bedeuten, dass die Geschichte ohne Hintergrundwissen unverständlich wird. Im Übrigen ist es in dieser Fanfiction so, dass Kerry Weaver eine Amnesie erleiden wird und insofern auch nicht mehr erinnert, als eine Leserin, die Emergency Room noch nie gesehen hat.
2. Sandy Fans seien gewarnt.
3. Die erste Fassung dieser Geschichte erschien im Forum von DykesVision.
4. Selbstverständlich gehören keine dieser Figuren mir, sondern Warner Bross. Leider, sonst wäre Kim längst wieder im Rennen :).

 

 

Kapitel I

 


“Das geht nicht." Kerry Weaver rührte ungehalten in ihrem Kaffeebecher herum. “Nicht zu diesem Zeitpunkt." Sie fuhr unruhig mit dem Zeigefinger über den Becherrand und ignorierte Sandys Hand auf ihrem Arm.

“Bitte, Kerry. Soll ich denn meine ganzen Pläne über den Haufen werfen, nur wegen des Babies? Du weißt, dass das Camp mir wichtig ist und dass ich das seit zwei Jahren geplant habe." Sandy versuchte gar nicht erst, ihre Stimme zu dämpfen, obwohl die anderen Gäste im “Doc Magoo’s" bereits erstaunt zu ihnen hinüber sahen.

“Ja, ich weiß." Kerry seufzte und begann wieder, kleine Kreise durch ihren Kaffee zu ziehen. “Aber bedeutet es dir gar nichts, dabei zu sein, während unser Kind in mir wächst? Die ersten Ultraschallbilder zu sehen, seine ersten Bewegungen zu spüren..."

“Unser Kind", wiederholte die Puertoricanerin mit einem kaum hörbaren Hauch von Bitterkeit in der Stimme.

“Ja, Sandy. Unser Kind. Manchmal habe ich das Gefühl, du empfindest es nicht so." Kerry versuchte vergeblich, die Schärfe aus ihrer Stimme zu nehmen und griff erneut haltsuchend nach ihrem Becher.

“Du weißt, dass das nicht stimmt, Kerry. Ich freue mich. Ehrlich. Aber du weißt auch, dass ich nur sechs Wochen weg sein werde, und dass wir noch jede Menge Zeit haben, uns gemeinsam auf das Baby zu freuen."

“Ich... Ich fühle mich irgendwie allein." Kerry starrte aus dem Fenster, ohne die routinieren Bewegungen ihrer Kollegen am Eingang der Notaufnahme wahrzunehmen. “Mir ist jeden Morgen schlecht, ich hänge ständig über der Kloschüssel, ich... es wäre einfach schön, wenn du da wärst."

“Kerry", Sandy beugte sich näher über den Tisch. “Ich verstehe dich, aber mein Entschluss steht fest. Ich freue mich seit so vielen Jahren auf das Camp, ich spare schon ewig für diese Auszeit, und dies hier ist der letzte Zeitpunkt, wo ich es tun kann. Wenn das Kind erst mal da ist, kann ich so etwas nicht mehr machen..."

“Unser Kind."

“Ja, unser Kind", seufzte Sandy und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. “Ich muss los. Ich schaue heute abend noch mal bei dir vorbei." Sie stand auf und drückte Kerry einen Kuss auf die Wange. “Bis heute abend, Schatz."

“Ja, bis später."

Kerry blieb noch eine Weile unbeweglich sitzen, nachdem Sandy das Lokal verlassen hatte. Die kleine Feuerwehrfrau winkte ihr von draußen noch einmal zu, und Kerry erwiderte gedankenverloren ihren Gruß.

Sie fühlte sich allein. Und das ärgerte sie. Früher hatte sie sich nie allein gefühlt, sie hatte immer ihre Arbeit gehabt. Ihr Beruf hatte sie vollkommen ausgefüllt. Die Notaufnahme des Countys zu leiten war eine Herausforderung, der sie sich jeden Tag stets von neuem gerne stellte. Nie hatte sie den Wunsch verspürt, etwas in ihrem Leben zu verändern.
Bis zum letzten Jahr. Bis sie Kim getroffen hatte. Genauer gesagt, bis Kim in ihr Leben geplatzt war: ‘Es ist Vollmond. Kommen Sie doch mal vorbei, es ist das reinste Kostümfest!’ Mit welcher Unverfrorenheit, ja fast schon Respektlosigkeit die Psychiaterin ihre inneren Bollwerke unterwandert hatte. Und dann stand Kim plötzlich mitten in ihrem Leben. Es war das erste Mal gewesen, dass Kerry auf ihrer Arbeitsstelle unkonzentriert wurde. Dass ihr etwas anderes wichtiger war als in jeder Sekunde eine gute Chefärztin zu sein. Das erste Mal, dass sie nicht abwarten konnte, bis der Tag endlich zu Ende war und sie sich dann in Kims lange Arme schmiegen konnte.

Kerry seufzte. Das alles schien jetzt so lange her. Sie hatte damals nicht gewusst, was ihr mehr Angst machte, die überwältigenden Gefühle, oder dass es ausgerechnet eine Frau war, die dies in ihr hervorrief. Es war alles so schnell gegangen. Die Tage nach dem Thanksgiving-Diner waren ein Desaster gewesen. Immer wieder hatte sie vor sich selbst gestanden wie vor dem Orakel von Delphi, hatte Worte und Fragen in sich hineingeworfen und keine Antworten bekommen. Niemals hatte sie es bisher zugelassen, dass die Präsenz eines anderen Menschen ihre Stimmung beeinflusste. Und nun auf einmal hatte sie hilflos zusehen müssen, wie sich ihre Laune augenblicklich hob, sobald die blonde Psychiaterin wegen eines Konsils aus dem Fahrstuhl stieg und den langen Flur entlang auf sie zusteuerte. Und wie leer sich alles anfühlte, wenn sie wieder auf ihre Station zurückgekehrt war.

Und dann auf einmal der Kuss. Der Kuss. Er hatte sich angefühlt wie einer dieser furchtbaren Alpträume, in denen man fiel und fiel und fiel und niemals unten aufkam. Allein bei der Erinnerung zog sich Kerrys Unterleib schmerzlich zusammen. Der Kuss hatte alles verändert. Etwas in ihr war aufgebrochen wie ein morscher Damm, durch den tosende Fluten jetzt ungehindert Einlass fanden. Verlangen war immer etwas gewesen, was andere Menschen fühlten. Nicht sie. Nicht sie. Die Sehnsucht zu berühren, berührt zu werden, plötzlich war alles da, hatte ihr Inneres aufgewühlt und ihr Sein erschüttert.

An jenem Tag, als sie sich mit Kim über jede Kleinigkeit gestritten hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie ihre alte Welt verloren hatte. Es war, als wäre jemand gekommen und hätte ihr einen neuen Sinneskanal eingepflanzt. Als hätte sie niemals zuvor wirklich gesehen, wirklich gehört. Und niemals gespürt.
Ha! Kim im Doc Magoo’s aufzusuchen war noch der leichteste Schritt gewesen. Was nach dieser Nacht folgte, war die eigentliche Schlacht. Der Kampf mit ihren eigenen Dämonen, mit ihrer Angst vor Nähe, mit ihrem Bedürfnis nach Kontrolle, mit ihren Vorurteilen und mit ihrer Furcht vor den Blicken.

Aber es hatte funktioniert. Jeden Tag ging es ein bisschen besser. Kims Nähe hatte ihr geholfen, sich in ihrem neuen, gemeinsamen Leben zurecht zu finden, hatte ihr geholfen zu begreifen, wie ihr Leben nun war, wie sie und vor allem wer sie nun war. Doch dann war Shannon Wallace in die Notaufnahme eingewiesen worden und hatte alles zerstört. Nein, sie selbst hatte alles zerstört. Sie hatte Kim tief verletzt. Kerry bohrte bei dem Gedanken ihre Finger in die Hände, um den inneren Schmerz zu betäuben. ‘Vielleicht geht’s ja doch um dich’, hallte es in ihren Ohren.

Manchmal hasste sie Kim dafür. Jawohl hasste. Dafür, dass sie ihr nicht die Zeit gegeben hatte, die sie gebraucht hätte. Dafür, dass sie einfach abgerauscht war. Kim war in ihr Leben hineingeschneit, hatte mühelos und ohne zu fragen ihre hundertjährige Dornenhecke überwunden, hatte sie aus ihrem Schlaf geküsst, und dann, als sie endgültig wach war und diese fast schmerzliche Form von Lebendigkeit in sich gespürt hatte, da verschwand Kim wieder aus ihrem Leben. Sie hatte sie einfach so zurückgelassen wie ein Jäger ein verwundetes Tier.

‘Kehr’ wieder zu deinem Leben zurück, Kerry.’
Ha! In welches Leben hätte sie zurückkehren sollen? Zurück hinter die Dornenhecke? Nein, sie war endgültig wach. Wach genug, um den ganzen Schmerz des Alleinseins, der Schuld und der unbändigen Sehnsucht in seiner vollen Wucht über sich hinwegrollen zu fühlen. Wie oft hatte sie sich die Geradlinigkeit ihres Lebens vor Kim zurückgewünscht. Alles war so geordnet, so überschaubar gewesen. Und jetzt?
Jetzt bekam sie schon die Krise, wenn Sandy mal für sechs Wochen zu einem Camp fuhr. ‘Meine Güte. Du bist doch früher auch allein gewesen, du wirst es auch jetzt können. Früher konnte Michael auch drei Wochen mit seiner Ex-Frau auf die Bahamas fliegen, und es hat dir nicht im mindesten etwas ausgemacht.’
Kerry warf einen verärgerten Blick auf ihre Uhr. Es war Zeit, in die Notaufnahme zurückzukehren. Die Ärztin nahm einen letzten Schluck ihres kalt gewordenen Kaffees, griff nach Mantel und Krücke und verließ dann festen Schrittes das Doc Magoo’s.

Kapitel II

 

Lesbian Fiction