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| "Wie
soll ich meine Seele halten , daß sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?" (Rainer Maria Rilke) |
"How
can I keep my soul in me, so that it doesn't touch your soul? How can I raise it high enough, past you, to other things?" (Rainer Maria Rilke) |
Prolog
"Armaria!"
Die Gerufene sah erstaunt von ihrer Arbeit auf, als zwei junge Mädchen unangemeldet in ihre Hütte stürmten. "Was gibt es denn so Dringendes, dass ihr hier herein prescht, ohne anzuklopfen?"
"Meine Königin." Die Ältere der beiden senkte beschämt den Kopf. "Verzeiht unsere Aufdringlichkeit, aber Cilene verlangt nach Euch. Es geht ihr nicht gut."
"Dann lasst uns keine Zeit verlieren." Armaria sprang auf und folgte den Mädchen in Cilenes Hütte. Als sie eintraten, lag die Alte schwer atmend auf ihrem Bärenfell, die Augen gegen die Decke gerichtet. Sie lächelte schwach, als sie ihre Königin erkannte. "Was ist geschehen?" Armaria kniete sich besorgt neben sie. Mit einem Wink forderte sie Kira auf, Platz an der Seite ihres Frauchens zu machen. "Bringt mir mehr Wasser", befahl sie den Mädchen. Sie strich Cilene liebevoll über die nasse Stirn, als sie den Becher an ihre Lippen führte. „Das wird dir gut tun.“
Cilene ließ Armarias Fürsorge gehorsam über sich ergehen. Sie wusste, dass es ihr schon am Nachmittag wieder besser gehen würde. „Je älter ich werde, desto erschöpfender ist es“, seufzte sie, als sie ihren Kopf zurück auf das Fell legte.
"Hattest du wieder eine Vision?"
"Ich wachte davon auf. Die Zeit ist nahe, dass unsere Schwester die Wahrheit erfährt."
"Dann ist es also soweit. Wird sie kommen?"
"Ich hoffe es."
"Warum bist du dann so beunruhigt?"
"Ich
habe noch etwas anderes gesehen." Cilene zögerte. Es fiel
ihr schwer, den nächsten Satz zu sagen. „Es wird Krieg geben,
meine Königin.“
Kapitel I
Der junge Reiter schob seine Kapuze tiefer ins Gesicht, als der dichte Regen ihm die Sicht auf den Weg nahm. Die Blitze über ihm erhellten die Landschaft derart, dass er mühelos neben sich die Fluten des Dees erkennen konnte. Das Grollen am Himmel übertönte die schnellen Hufschläge seines Pferdes, und er tastete besorgt nach dem Dokument unter seinem Mantel. Erleichtert atmete er auf, als er es trocken vorfand. Zu unangenehm würden die Konsequenzen sein, wenn sein Herr erführe, dass seine Botschaft an die Lady von Cheshire beschädigt worden wäre. Das Glück war ihm hold gewesen, als ein Wirt ihm bei seiner Rast in Leeds einen ausgedienten Mantel geschenkt hatte. „Martin“, hatte er gesagt und ihm auf die nasse Schulter geklopft. „Euer Herr muss sehr zufrieden mit Euch sein, dass er Euch auserkoren hat, zur Lady Isabelle zur reiten.“
Der Gedanke an die Worte des alten Mannes ließen Martins Herz schneller schlagen. In der Tat hatte er es nur der guten Kondition seines Pferdes zu verdanken, dass er für diese Mission ausgewählt worden war. Als es hieß, Lord Brian habe eine Nachricht an Lady Isabelle zu überbringen, hatten sich sämtliche Boten des Earls von Yorkshire im Audienzsaal ihres Herrn versammelt. Die Schönheit der Lady war legendär und ein jeder Bote hoffte inständig, nach Chester hinüber reiten zu dürfen.
In York rankten sich viele Gerüchte um Lady Isabelle, aber natürlich wusste man nie, was von derartigem Gerede zu halten war. Genau genommen war es nämlich bisher nur der alten Mary vergönnt gewesen, die Lady tatsächlich zu Gesicht zu bekommen. Die betagte Köchin war vor vielen Jahren am Hofe von Chester angestellt gewesen, und sie schwor, die Schönheit von Lord Trascotts Tochter sei schon in ihren Kindertagen atemberaubend gewesen.
Martin hatte oft auf dem Holztisch in der Hofküche gesessen und Marys Geschichten gelauscht. Ihre alten Augen leuchteten jedes Mal, wenn sie von ihren Tagen in Cheshire erzählte. Die Tatsache, dass sie dort die schönste Zeit ihres Lebens verbracht hatte, ließ sie die Jahre im Nachhinein romantisch verklären, und wenn sie von dieser Zeit erzählte, fügte sie stets ein paar neue Details hinzu. In Marys Erzählungen erschien die Burg von Chester wie ein riesiger Palast, auf dem die freundlichsten Menschen lebten unter der Herrschaft eines edlen Burgherrn und einer bezaubernden Fee mit hellblondem Haar. Ihre grünen Augen hatten die Farbe des Mittelmeeres und ihre Bewegungen waren anmutig wie die einer arabischen Prinzessin.
Und obwohl jeder wusste, dass diese Schilderungen wohl mehr mit Marys Zuneigung zur Lady Isabelle als mit der Wahrheit zu tun hatte, wartete man in Yorkshire sehnsüchtig darauf, die schöne Lady nun endlich einmal zu Gesicht zu bekommen. Die Chancen standen gut, denn es hielten sich hartnäckige Gerüchte, dass Isabelle die Gattin von Lord Brian werden sollte. Seit Wochen waren die Spekulationen um eine Hochzeit des jungen Earls das Hauptthema am Hofe. Was konnte eine Lady, die laut der Ordensschwestern von St. Claire sechs Sprachen sprach und bei Mönchen aus ganz Europa die Kräuterheilkunst studiert hatte, mit einem Mann verbinden, den außer Schlachten und Kriegsführung wenig interessierte? Ganz zu schweigen davon, dass Dorfschmied Toby behauptete, die Lady verfüge über das Zweite Gesicht. Menschen mit einer derartigen Gabe galten als hochsensibel, und wie das mit der grobschlächtigen Art von Lord Brian zusammenpassen sollte, war wohl niemandem so richtig klar.
Wilhelm, Stallmeister am Hofe von York, war überzeugt, dass die Gründe der Vermählung etwas mit Politik zu tun hatte. Erst letzte Woche hatte Martin mit ihm über die Gerüchte um die anstehende Verlobung diskutiert, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau, die so schön und so klug war wie die Lady Isabelle, gehandelt wurde wie ein Stück Vieh. Wihelm hatte nur verächtlich die Augenbrauen gehoben. „Das ist Politik, mein Lieber. Davon verstehst du nichts. Wenn eine Lady klug ist, dann fügt sie sich dem Wohl ihres Landes...“
„Mag sein, dass Lady Isabelles Verhalten etwas mit Politik zu tun hat“, unterbrach ihn Martin. „Aber was hat Lord Brian davon? Welchen Sinn hat es, das kleine Cheshire mit der größten Grafschaft des Landes zu vereinen? Nein, nein, es muss ihre anmutige Erscheinung sein.“ Martin sah schwärmerisch gen Himmel.
Wilhelm schüttelte missbilligend den Kopf. „Unser Herr hat keinen Sinn für Schönheit, das weißt du so gut wie ich. Es wird schon seine Gründe haben, dass er an Cheshire interessiert ist. Für die Eroberung von Lancashire liegt Cheshire strategisch sehr günstig.“
Martin war Politik ziemlich egal. Für ihn war allein die Vorstellung verlockend, Lady Isabelle als seine zukünftige Herrin zu haben. „Nur weil du ein paar Brocken französisch sprichst, heißt das noch nicht, dass du etwas von Politik verstehst“, gab er zu bedenken.
Wilhelm ignorierte seine Bemerkung. „Eine Hochzeit zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein geschickter Schachzug. Der alte John ist geschwächt und wir haben bereits den dritten Adelsaufstand binnen eines Jahres.“
„Sei vorsichtig, was du sagst. Das ist unser König, von dem du da sprichst!“ Martin stockte der Atem vor so viel Respektlosigkeit. „Dafür können sie dich hängen!“
„Wenn hier jemand gehängt wird, dann ist es der König selbst.“ Wilhelm wedelte wichtig mit dem Zeigefinger. „Wenn Lord Brian die Tochter von Lord Trascott heiratet, hat die Familie Caddington zwei der wichtigsten Grafschaften Englands unter sich. Da wird sich unser König warm anziehen müssen.“
„Ich wünschte, die Aufstände würden endlich ein Ende nehmen“, seufzte Martin. "Warum muss unser Herr einen Krieg nach dem anderen führen? Erst Durham, jetzt Lancashire. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen sinnlos ihr Leben lassen müssen.“
Wilhelm zuckte die Schultern. „Es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen. Vielleicht wird die Lady ja einen beruhigenden Einfluss auf Lord Brian haben. Und wenn sich der Sohn beruhigt, dann vielleicht auch der Vater.“
Nur drei Tage nach ihrer Unterhaltung wurde am Hofe bekannt, dass Lord Brian eine Nachricht nach Chester zu überbringen hatte. Niemand zweifelte daran, dass diese Nachricht der Vertiefung von Brians Beziehung zur Lady Isabelle diente.
So kam es, dass sich alle zehn Boten vor den Gemächern des Earls einfanden und ihre Dienste anboten. Doch Lord Brian war weniger an der Qualifikation seiner Boten als an der Kondition und Schnelligkeit ihrer Pferde gelegen gewesen.
„Gleich hast du’s geschafft, mein Guter!“ Martin klopfte auf die nasse Mähne seines Wallachs. Sein treuer Begleiter schien zu spüren, dass ihre Reise kurz vor dem Ende stand und mobilisierte die letzten Kräfte. Am Horizont waren bereits die Türme von Chester zu erkennen und noch einmal griff Martin prüfend unter seinen Mantel. Das Siegel war fest und trocken wie am Tag seiner Abreise.
„Guten Abend, mein Herr! Was sucht Ihr noch so spät vor den Mauern der Burg von Chester?“ riss eine Stimme ihn aus seinen Gedanken. Als er aufblickte, sah er eine weibliche Gestalt auf einem Schimmel direkt auf sich zureiten. Die einsetzende Dämmerung machte es ihm unmöglich, die Züge der Reiterin klar zu erkennen, das Pferd war jedoch ohne Zweifel ein edles Tier aus bester Zucht. Es passte nicht recht zu der schlichten, praktischen Kleidung der Reiterin. Als sie näher heran ritt, bemerkte er, dass sie genauso durchnässt war wie er.
„Grüßt Euch Gott, MyLady", rief er ihr entgegen. "Ich bin auf dem Weg zur Lady von Cheshire.“
„Ich bedaure, mein Herr. Ihr werdet sie nicht antreffen. Sie ist ausgeritten und wurde vom Unwetter überrascht.“ Die Reiterin verfiel neben ihm in einen leichten Trab. „Was führt Euch nach Chester?“
„Mein Name ist Martin“, nahm er einen geschäftlichen Tonfall an. „Ich bin ein Bote von Lord Brian aus York, und ich habe eine Botschaft für Lady Isabelle.“
„Dann komm’ mit mir, Martin“. Die Reiterin führte ihn direkt zum Haupttor, wo ihnen die Wärter ohne ein Wort Einlass gewährten. „Ich führe dich zur Lady, nachdem ich dir die Ställe gezeigt habe. Dein Wallach sieht aus, als würde ihm eine kräftige Portion Hafer gut tun.“
* * *
Martin hatte in der ihm zugewiesene Kammer ein weißes Leinenhemd
und schwarze Beinlinge* vorgefunden. Mit der trockenen Kleidung fühlte
er sich nun wesentlich gewappneter, der Tochter von Lord Trascott gegenüber
zu treten, und er verließ neugierig seine Kammer. Auf den Gängen
eilten Bedienstete hin und her, die ihn ausnahmslos höflich grüßten.
Es schien eine natürliche Freundlichkeit durch die Räume der
Burg zu wehen, die auch Fremde mit einschloss und die Martin ein wenig
an den Märchenpalast erinnerte, von dem die alte Mary ihm so oft
erzählt hatte.
Eine rothaarige Dienerin, die bei jedem Schritt ihr linkes Bein nachzog, führte Martin zu den Gemächern von Lady Isabelle. Der Raum, in den er geführt wurde, war ein großes, rundes Gemach mit zwei Fenstern in jeder Himmelsrichtung. Rechts von der Tür befand sich eine Feuerstelle, neben der sechs Stühle um einen ovalen Tisch herum angeordnete waren. In der Nähe des Fensters stand ein schlichter Holztisch, auf dem nichts weiter als eine Wachstafel und ein Griffel lagen. Die flackernden Kerzen an der Wand hüllten den Raum in ein warmes Licht.
„Es
ist ein schöner Ort für Stunden der Muße.“
Die sanft gesprochenen Worte ließen Martins Kopf in die Höhe
schnellen. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, als er an
der Türschwelle die Lady entdeckte. Unbeeindruckt von seiner plötzlichen
Erstarrung lächelte sie ihm freundlich zu und wies mit der Hand
zu den Stühlen am anderen Ende des Zimmers. „Setzen wir uns
doch.“
Lady Isabelle war kleiner und zierlicher als Martin sie sich vorgestellt hatte, aber der warme Glanz in ihren Augen war genauso wie Mary ihn beschrieben hatte. Martins Blick wanderte von dem ebenen Gesicht zu dem roten Gewand, in welches das Wappen der Trascotts gestickt war. Die Lady trug einen ebenfalls roten Mantel über ihrem Gewand, der durch zwei silberne Tasseln** zusammengehalten wurde und in den das Wappen der Trascotts gestickt war. Als Martin die Nässe der blonden Haare auffiel, gefror dem jungen Boten das Blut in den Adern. „MyLady“, stammelte er. „Ich bitte vielmals um Verzeihung. Ich konnte nicht ahnen…“
„Nein, ich muss mich entschuldigen.“ Sie hob beschwichtigend die Hände. „Ich wollte dich nicht absichtlich täuschen, aber ich fühlte mich so gar nicht wie eine Lady da draußen.“
„Ich verstehe.“ Martin musste unwillkürlich an den ungewöhnlichen Aufzug der Lady draußen vor den Burgtoren denken. Sich nochmals verneigend streckte er der Lady das Dokument seines Herrn entgegen. „Mit den ehrwürdigsten Grüßen von Lord Brian, MyLady.“
Als sie
ihm das Schriftstück abnahm, bemerkte Martin ein leichtes Zittern
ihrer Hand. Ihre Miene jedoch ließ nichts als Freundlichkeit erkennen.
„Hattest du eine gute Reise, Martin?“
„Sie war feucht“, antwortete er vorsichtig. Es gehörte
nicht zur Etikette, dass eine Lady Konversation mit einem Boten pflegte.
Das aufmunternde Lächeln der Lady ließ seine Unsicherheit
allerdings schnell schwinden und er wagte es, ihr direkt in die Augen
zu sehen. „Sie war feucht und ungemütlich“, gestand
er.
„Ja, das ist mir nicht verborgen geblieben“, lächelte sie. „Hat man dir schon etwas zu essen gegeben?“
„Nein, MyLady, das ist nicht nötig.“
„Und ob das nötig ist, du hast einen langen Weg hinter dir.“ Sie klatschte in die Hände und kurz darauf erschien die rothaarige Dienerin in der Tür. „Ruth, sorge doch bitte dafür, dass unser Gast eine Mahlzeit bekommt. Du kannst es auf sein Zimmer bringen.“
„Ja, MyLady.“ Die Dienerin verschwand so leise wie sie gekommen war.
„Leider war die Ernte im letzten Jahr sehr schlecht“, entschuldigte sich Lady Isabelle. „Aber wir werden schon eine anständige Speise für dich finden.“
„Das ist in Yorkshire nicht anders. Die Ernte war überall schlecht.“
„Das ist wahr“, seufzte sie. „Ich denke, es wird Zeit zu lesen, was Lord Brian zu berichten hat. Ruth wird dir eine Mahlzeit in deine Kammer bringen.“
Lady Isabelle erhob sich und Martin schnellte so überstürzt von seinem Stuhl, dass er fast den Tisch umgestoßen hätte. „Habt meinen untertänigsten Dank, MyLady.“
„Bis zum Nachmittag werde ich eine Antwort an Lord Brian verfasst haben. Halte dich ab Mittag zur Abreise bereit.“
„In Ordnung, MyLady.“ Er verbeugte sich und atmete erst wieder ein, als er auf der anderen Seite der Tür stand. „Helfe mir Gott. Die Frau ist ein Engel“, murmelte er gegen die Tür. Als er bemerkte, dass die rothaarige Dienerin ihn neugierig beobachtete, stieß er sich schuldbewusst vom Türrahmen ab und eilte die Treppe hinunter zu seiner Kammer.
* * *
Während Martin sich längst im Land des Schlafes befand und
von einem Märchenpalast mit einer bezaubernden Fee träumte,
saß Lady Isabelle bewegungslos auf ihrem Stuhl und starrte auf
das Schriftstück in ihrem Schoß. Jetzt war es also soweit,
Lord Brian hielt offiziell um ihre Hand an. Seit zwei Jahren hatte sie
diesen Tag gefürchtet und nun war er plötzlich da.
Eine verstohlene Träne tropfte auf das Siegel des Dokumentes und Isabelle wischte sie sorgsam mit ihrem Daumen vom Wachs. Wenn es im Wohle ihres Volkes war, dann würde sie sich ihrem Schicksal fügen. Ihr Volk vertraute darauf, dass der Hof eine Lösung für die Probleme finden würde. Sie konnte es nicht enttäuschen.
Ihre Gedanken wurden vom Klopfen der Dienerin unterbrochen. „MyLady, Ihr Vater ist auf dem Weg zu Euch.“
„Danke, Ruth. Führe ihn herein.“
Schon von weitem hörte Isabelle die energischen Schritte ihres Vaters durch die Mauern hallen. Als er in der Tür auftauchte, verwandelte sich die Freude in seinem Gesicht unmittelbar in Sorge. „Ich dachte, der Bote kam mit einer frohen Nachricht? Woher die Sorgenfalten, mein Kind?“
Isabelle reichte ihm das Dokument. „Der Botschafter kommt von Lord Brian, und er erwartet umgehend eine Antwort.“
Lord Trascott griff nach dem Dokument, ohne einen Blick darauf zu werfen. „Mein Liebling, wir haben das doch alles schon besprochen. Du weißt, dass deine Vermählung die einzige Lösung ist. Wir hatten letztes Jahr die dritte schlechte Ernte hintereinander und dieser Frühling ist genauso verregnet wie der letzte. Unser Volk hungert und es erwartet, dass wir etwas tun.“
„Wir brauchen die Unterstützung des Königs.“
„Meine Liebe“, der Earl von Cheshire legte einen Arm um seine Tochter. „Du weißt sehr wohl, dass John ganz andere Sorgen hat, als sich um unsere Bürger zu kümmern. Nicht zuletzt ist es Caddington selbst, der mehr Macht von ihm einfordert. Unserem König steht das Wasser bis zum Hals.“
„Brian wird unser Volk in den Krieg schicken, Vater.“
„Wer in den Krieg zieht, bekommt zu essen. Das ist die simple Wahrheit. Sieh' selbst.“ Er nahm Isabelle das Dokument aus den Händen und überflog die Absätze. „Er verspricht, unseren Bürgern genügend Nahrung für die nächsten fünfzehn Winter zur Verfügung zu stellen.“
Isabelle schüttelte den Kopf. „Hat Lord Caddington jemals eines seiner Versprechen gehalten? Woher wollt Ihr wissen, dass sein Sohn es anders machen wird?“
„Das können wir nicht wissen, aber wir wissen, dass Yorkshire mehr Soldaten braucht und dass die Caddingtons beabsichtigen, sie hier zu finden.“
„Ich will unsere Leute nicht in den Krieg schicken. Gerade haben sich die Auseinandersetzungen zwischen Normannen und Angelsachsen einigermaßen beruhigt.“ Isabelles Finger fuhren nervös durch ihre blonden Strähnen. „Vater, Ihr habt Euer ganzes Leben für den Frieden in Cheshire eingesetzt und jetzt sollen wir das aufgeben wegen drei schlechter Ernten?“
„Es sind nicht nur die schlechten Ernten und das weißt du. Dein Bruder, Gott hab’ ihn selig, hat mehr als die Hälfte unseres Vermögens verprasst, und ich weiß einfach nicht, wie wir die nächsten Jahre überstehen sollen. Über Lord Caddington und seinen Sohn kann man sagen, was man will, aber uns gegenüber haben sie sich immer als äußerst ehrenwert erwiesen.“
„Kein
Wunder, sie wollen ja auch unser Land.“
„Und sie werden es auch kriegen. Ohne Nahrung und Hilfsmittel
sind wir zu schwach, um uns zu verteidigen. Yorkshire hat die Kraft,
unser Volk komplett auszurotten, wenn Caddington es will. Mit einer
Hochzeit verhinderst du ein Blutbad, und du bewahrst unsere
Bürger vor dem Tod durch Hunger und Seuchen.“
„Ihr verheiratet mich an den Sohn eines Monsters, Vater.“
Lord Trascott schüttelte missbilligend den Kopf. „Es ist schwer zu sagen, was an den Gerüchten dran ist...“
„Seine Tochter hat jedenfalls die Vogelfreiheit vorgezogen.“
„Du glaubst den Stimmen, die sagen, dass er sie nicht verbannt hat, sondern sie von sich aus den Hof verlassen hat?“
„Bestimmt hat sie sich zuerst von ihm losgesagt, und er hat sie erst danach entehrt, um sein Gesicht zu wahren.“ Isabelle schauerte bei dem Gedanken an solch einen Vater. „Werde ich an einem Hof leben, von dem die eigenen Familienmitglieder fliehen?“
„Das ist Familienfehde, über die wir nicht urteilen können, mein Kind.“
„Lord Caddington befindet sich im Krieg gegen Lancashire und vermutlich wird er bald einen weiteren Aufstand gegen den König organisieren. Wollt Ihr, dass unser Name damit in Verbindung gebracht wird?“
„Du wirst großen Einfluss am Hofe haben, Isabelle. Du kannst etwas bewirken. Du kannst den Aufständen ein Ende machen.“
„Ich?“ Das Vertrauen ihres Vaters grenzte an Rührseligkeit. „In Euren Träumen, Vater.“
„Niemand kennt deine Überzeugungskraft besser als ich, meine Liebe. Hast du vergessen, wie du zwei Edelmänner davon überzeugt hast, dir ihre Bruchen*** zu schenken?“
„Da war ich zehn, Vater.“
„Eben“, entgegnete er. „Und seitdem ist deine Überzeugungskraft noch viel unwiderstehlicher geworden, ebenso wie dein Charme.“
„Ich habe es Euch eh längst versprochen“, seufzte Isabelle. „Es nützt nichts, darüber zu lamentieren.“
„Das ist gut, mein Kind. Es ist das einzig Vernünftige, und Gott wird es dir danken.“
„Das muss er gar nicht. Mir ist bewusst, dass nicht jede Frau ihren Gatten lieben kann wie meine Mutter Euch.“
„Gott hab’ sie selig, meine Eleonora.“ In seiner Stimme lag Wehmut, als er seine Tochter an sich zog. „Manchmal, wenn ich dich ansehe, könnte ich meinen, sie wäre hier im Raum.“
„Würde sie meine Vermählung wohl gutheißen?“
„Mein Kind, es wird höchste Zeit, dass du heiratest. Seit deinem 13. Geburtstag haben elf Edelmänner um deine Hand angehalten. Nun zählst du bereits 19 Lenze und die Leute werden bald sagen, du seist eine von diesen Amazonen, die auf die Insel Cyane verbannt wurden.“
Isabelle tippte ihm an die Stirn. „Du meinst die Amazonen aus den irischen Sagen? Ich muss gestehen, ich finde die Idee recht verlockend, als Kriegerin für eine gute Sache zu kämpfen.“
„Ohne einen Gatten?“ Lord Trascott sah seine Tochter entsetzt an. „Das ist nicht dein Ernst! Wozu habe ich dich von drei Geistlichen erziehen lassen? Jedes Weib braucht einen Mann, so hat Gott es bestimmt.“
Isabelle war sich nicht so sicher, was Gott alles bestimmt hatte, aber sie ließ das Thema fürs Erste fallen. Es galt jetzt, eine Verlobung zu organisieren.
* * *
In dieser Nacht träumte Isabelle wirr und unruhig. Bilder von der
geplanten Verlobung vermischten sich mit auf wilden Pferden reitenden
Amazonen. Zunächst knieten sie vor ihr nieder wie zu einer Huldigung,
danach setzten sie sie auf ein goldenes Pferd mit weißer Mähne.
Gemeinsam ritten sie durch die Wälder bis plötzlich ein weißer
Nebel sich über die Landschaft breitete und Isabelle von den Amazonen
trennte. Sie rief nach ihnen, aber der Nebel verschluckte ihre Stimme.
Als sie sich umsah, befand sie sich plötzlich im Hof ihrer Burg.
Das gesamte Gemäuer war geschmückt und Leute jubelten Rittern
zu, die in voller Rüstung über den Platz ritten. Sie sah in
tiefblaue Augen, die sich plötzlich in Brians graue Adleraugen
verwandelten und auf einmal spürte sie, wie jemand versuchte, ihr
von hinten das Herz herauszureißen.
Sie erwachte schweißgebadet und lehnte sich keuchend zurück in ihr Kissen. Verkaufte sie ihre Seele zum Wohle ihres Volkes? Vielleicht war das ihre Bestimmung. Was war das Wohl ihrer Seele schon wert angesichts des Wohl ihres Volkes? Gleich morgen würde sie die Kosten für das anstehende Turnier mit Pater Daniel durchsprechen. Der Pater hatte den besten Überblick über die Ausgaben am Hofe und vermochte erste Prognosen abzugeben, die sie in ihre Antwort an Brian einbeziehen konnte.
Es dauerte
lange, bis ihre aufgewühlten Gefühle sich beruhigten und sie
in einen oberflächlichen, aber traumlosen Schlaf zurückfiel.
* * *
Als Martin am frühen Nachmittag Chester verließ, war seine
gute Laune nicht zu überbieten. Lady Isabelle hatte ihn nochmals
zu sich gerufen und ihn sogar schon in die Pläne des Turniers einbezogen,
weil sie wissen wollte, mit wie viel Personen aus York zu rechnen war.
Sie erbat sich von Martin absolutes Stillschweigen über ihr Gespräch,
denn es verstand sich von selbst, dass die Verlobung nicht bekannt werden
durfte, bevor Lord Brian persönlich die Antwort der Lady in den
Händen hielt.
Seine Kameraden würden vor Neid erblassen, wenn er ihnen erzählte, dass er der Lady nicht nur von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte, sondern sie sich sogar mit ihm an einen Tisch gesetzt hatte. Zweimal, um genau zu sein.
Und nun ritt er zurück nach Yorkshire mit einer guten Nachricht in der Satteltasche. Sein Pferd war ausgeruht, das Wetter war klar, Frühling lag in der Luft, und sein Herr würde sehr zufrieden mit ihm sein. Alles in allem war das Leben eine gute Sache.
*Beinlinge: enganliegende oberschenkellange Strümpfe, die meist
aus dehnbarem Wollstoff gefertigt wurden.
**Tasseln: mittelalterliche Knöpfe.
***Bruche: Sozusagen die „Unterhose“ des Mittelalters.