Rut und Noomi

(von Linna)



Vorbemerkung:

Dies ist der erste Versuch meinerseits, man kann mich als Subtextfan bezeichnen, eine Geschichte zu schreiben. Es handelt sich um eine gewagte Ergänzung der Bibelerzählung des Buchs Rut. Dies ist eines von zwei Büchern des alten Testaments mit weiblichen Namen. Dies beinhaltet meiner Meinung nach eine der schönsten Liebeserklärungen der ganzen Bibel und ich stehe damit durchaus nicht alleine da. Auch viele heterosexuelle Paare benutzen es als ihr Heiratsversprechen bei der Trauung. Wo Originaltextstellen verwendet wurden, ist dies durch Schrägschrift gekennzeichnet. Diese stammen aus der überarbeiteten Elberfelder Übersetzung.

 


Rut und Noomi

Eine Liebeserklärung machte Rut Noomi, ihrer Schwiegermutter und sie meinte es so wie sie es sagte. Es kam aus den tiefsten Inneren ihrer Seele. Sie kannte Noomi elf Jahre und nun sollten sich ihre Wege für immer scheiden. Wenn Rut nun Noomi ziehen lassen würde, dann wäre es für immer. Es könnte doch wieder eine Zeit des Hungerns im Lande Juda kommen, genau wie jene die Noomi mit ihrer Familie aus Bethlehem kommend zu ihr ins Moabiterland gebracht hatte. Nicht wissen zu können wie es Noomi ergeht, war wie als ob sich ein kleines spitzes Sandkorn in ihrer Brust verfangen hätte. So ging es ihr in diesen Minuten in der sie erstmals ihr Herz auf ihre Zunge legte. Sollte sie wahrlich zu ihrer Mutter Familie zurückgehen und sich wieder verheiraten lassen, es würde sie keine Schwiegermutter wieder so herzlich aufnehmen wie Noomi. Da Rut in den zehn Jahren, die sie das Weib von Noomis Sohn Kiljon war, kein Kind gebar, gab es Zungen die meinten es lege ein Fluch auf ihr. Noomi jedoch hatte ihren beiden Schwiegertöchtern, Rut und Orpa die Kinderlosigkeit der Familie nie zum Vorwurf gemacht. Dies war erstaunlich, da Mütter mit Söhnen nach deren Verheiratung von ihrer neuen Stellung hartherzig Gebrauch machten. Die Schwiegermutter war die höchste Position die eine Frau erreichen konnte. Auch deshalb schätzte Rut ihre Schwiegermutter. Sie schätzte sie nicht nur, Rut liebte Noomi.

Noomi war überaus dankbar Zuflucht bei den Töchtern und Söhnen Moabs gefunden zu haben. Einst wollten sie nach drei Jahren nach Juda zurückkehren aber dann starb Noomis Mann und ihre Söhne nahmen sich moabitische Weiber: der Name der einen war Orpa, und der Name der anderen Rut. Noomi war doch sehr froh die eigentlich Fremden kennen zu lernen und mit ihnen zusammenzukommen. Rut und Orpa brachten Noomi die Gebräuche der Moabiter näher und ebenso erzählte sie ihren neuen Töchtern von ihrem einen Gott. Besonders die Geschichte von Lilith, der ersten Frau Adams begeisterte Rut. Und sie wohnten daselbst bei zehn Jahren. Da starben auch die beiden, Machlon und Kiljon; und das Weib blieb allein übrig von ihren beiden Söhnen und von ihrem Manne. Und sie machte sich auf, sie und ihre Schwiegertöchter, und kehrte aus den Gefilden Moabs zurück; denn sie hatte im Gefilde Moabs gehört, dass Jahwe sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben. Und sie zog aus von dem Orte, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr; und sie zogen des Weges, um in das Land Juda zurückzukehren. Da sprach Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: „Gehet, kehret um, eine jede zum Hause ihrer Mutter.“

Sie wünschte sich nichts sehnlicher als sie beide bei sich zu behalten, doch diese Wahrheit mit ihr würde für beide Armut bedeuten. Daher redete sie fort: „Jahwe erweise Güte an euch, so wie ihr sie an den Verstorbenen und an mir erwiesen habt. Jahwe gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in dem Hause ihres Mannes!“ Und sie küsste sie.

Da Noomi sich von Ruts Wangen langsam wieder entfernte, flossen ihnen erlösende Tränen über ihre Gesichter. Und sie erhoben ihre Stimme und weinten und sie sprachen zu ihr: „Doch, wir wollen mit dir zu deinem Volke zurückkehren!“. Und Noomi sprach: „Kehret um, meine Töchter! Warum wolltet ihr mit mir gehen? Habe ich noch Söhne in meinem Leibe, dass sie euch zu Männern werden könnten“? „Kehret um, meine Töchter, gehet; denn ich bin zu alt, um eines Mannes zu werden. Wenn ich spräche: Ich habe Hoffnung; wenn ich selbst diese Nacht eines Mannes würde und sogar Söhne gebären sollte, wolltet ihr deshalb warten, bis sie groß würden“? Da erhoben sie ihre Stimme und weinten wiederum. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter; Ruth aber hing ihr an. (Anmerkung der Autorin: 1.Buch Mose 2, 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch).

Rut hätte diesen Satz am liebsten geschrien wenn sie noch den Atem dazu gehabt hätte: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, will ich sterben, und daselbst will ich begraben werden. So soll mir Jahwe tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir! Noomi konnte nichts anderes tun als Rut, deren Ernst ihrer Worte ihr anzusehen war, festzuhalten.

Dies war nichts Ungewöhnliches zwischen den beiden Frauen. In der engen Unterkunft der Stadt ruhte Rut oft neben ihr auf den harten Bastmatten, wenn Kiljon nicht im Hause weilte. Am Anfang war es nur das Wissen, nicht alleine zu sein mit seinen Träumen. Später empfand Rut eine wohltuende Wärme in sich, wenn sie sich Gewahr wurde, das Noomi neben ihr lag. Dies verursachte ein sanftes unbeschreibliches Gefühl, so als hätten sich Mücken in ihrem Bauch eingenistet. Anfangs hatte sie die Hoffnung, dies sei das Anzeichen des von ihr und den anderen erwarteten Nachwuchses. Der Kindersegen blieb leider aus aber das angenehme Gefühl blieb und verstärkte sich noch.

Nach sieben Jahren fanden sich Machlon und Kiljon damit ab, kinderlos zu bleiben und unterließen es fortan, ihre Frauen zu erkennen. Rut hatte ohnehin die Hoffnung, dass ihr Jahwe ein Kind schenkt aufgegeben. Sie wusste nicht, dass das Weib eines ihrer vielen Nachfahren, Maria genannt wird und ein Kind ganz ohne Beihilfe ihres Enkels in vierundzwanzigster Generation mit Namen Josef zeugen wird. Der Vorgang des Erkennens diente einzig und allein der Entstehung von Leibesfrüchten. Man hörte zwar auch schon mancherorts von Männern die sich gegenseitig erkannten, darüber stellte aber das 3.Buch Mose 18.22 klar: Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel.

An diese Gesetze dachten Noomi und Rut nicht als sie sich nun an der Grenze zu Juda einander in den Armen lagen. Noomi wischte zärtlich die Tränen aus den geschwollenen Gesichts Ruts. Und als sie sah, dass sie fest darauf bestand, mit ihr zu gehen, da ließ sie ab, ihr zuzureden. Über diese Ereignisse der Dinge war Noomi mehr als verstört. Eine unbeschreibliche Verwirrung beherrschte sie. Einerseits trauerte sie um ihre im Moabiterlande begrabenen Kinder und gleichzeitig verspürte sie eine übermäßige Erleichterung, ja unheimliche Freude darüber das Rut bei ihr bleiben wird. Es ängstigte sie, die Intensität ihrer Gedanken so sehr, dass sie dafür betete, dass so eine innere Zerrissenheit kein anderer Mensch so erleben sollte. Nur musste sie sich im Moment vorrangig damit beschäftigen, wer auf sie in ihrer Heimatstadt zukommt und ob überhaupt noch jemand ihrer Verwandten lebte, der Rut und sie aufnehmen könnte. Noomi wusste kaum weiter mit diesen unterschiedlichen Empfindungen, die gleichzeitig auf sie einstürzten.

Und so gingen beide, bis sie nach Bethlehem kamen. Und es geschah, als sie nach Bethlehem kamen, da geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung, und sie sprachen: „Ist das Noomi“? Und sie sprach zu ihnen: „Nennet mich nicht Noomi, nennet mich Mara; denn der Allmächtige hat es mir sehr bitter gemacht“. Und sie kamen nach Bethlehem beim Beginn der Gerstenernte.

Dies war insofern gut. Sie konnten die übrig gebliebenen Ähren auf den abgeernteten Feldern auflesen. Dies war seit jeher die Armenfürsorge in Juda. Glücklicherweise war Jahwe ihnen gutgesinnt und sie fanden Unterkunft in dem Haus eines Verwandten ihres Mannes, einen vermögenden Mann, aus dem Geschlecht Elimelechs, und sein Name war Boas. Doch die lange und beschwerliche Reise forderte ihren Tribut. Am vierten Tag in Bethlehem fiel Mara in ein heftiges Nervenfieber, wegen der Gedanken die sie nicht in Ruhe ließen. Diese ließen sich nicht verdrängen, erst Recht nicht seit sie wieder ein Dach über den Kopf hatten. Rut betete am Krankenlager Maras zu Jahwe, dass der gemeinsame Weg noch nicht so plötzlich zu Ende sein sollte, und schlief schließlich am anderen Ende des Bettes zu ihren Füßen ein. Und es geschah um Mitternacht, da schrak Mara auf und beugte sich hin: und siehe, ein Weib lag zu ihren Füßen. Da fasste ihr Geist ein Wort und sobald darauf drang aus ihrem Mund ein „Ja“. Zwei Abende später erkannte Mara ihre Rut und Rut ihre Noomi und sie zeugten keine Kinder.

 

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