Pi und andere Denkwürdigkeiten/
Aktenzeichen XYZ ungelöst

von
Topokrokodilino von Zippikowsky



Und wieder einer dieser aktionsgeladenen Tage, wo ein Hochspannungsereignis das nächste jagte. Kollegin XYZ erklimmt die Stufen von Etage3 zu Etage4, in welcher sich unsere Heldin unmittelbar hinter der Eingangstür befindet – motiviert bis in die Haarspitzen, versteht sich. XYZ reißt die Eingangstür auf, nachdem sie konzentriert die Eingabe des Türöffnungscodes bewältigt hat (es handelt sich um eine komplizierte Formel, bei der die vierte Wurzel aus Pi mit dem dritten Exponential-Algorithmus des Geburtsdatums von ... - hier bitte eine Variable einsetzen - multipliziert wird). Die Tür wird also aufgerissen, die Heldin sieht aus den Augenwinkeln eine Gestalt an ihrer Tür vorbeirauschen, dann wieder Türgeräusche, XYZ ist in irgendeinem Zimmer verschwunden. Kurz darauf knallt erneut eine Tür, war es die gleiche? Doch nein, es war bloß Kollegin ABC, die im Büro schräg gegenüber etwas abgeben musste, wobei dann jeweils beim Verlassen und Wiederbetreten ihres Büros die Tür zuknallt. Ach so, unsere Heldin lehnt sich beruhigt wieder zurück, nur die üblichen Produktionsbedingungen.


Nach ca. dreieinhalb Stunden verlässt XYZ tatsächlich das Büro, in dem sie vor vier Stunden verschwunden war. Die mittlerweile vom vielen Türengescheppere gramgebeugte Heldin sieht erneut eine Gestalt an ihrer Tür vorbeirauschen, diesmal in die andere Richtung. Danach ...genau! Türengeräusche. Was die ganze Angelegenheit aber noch viel brisanter macht: XYZ rauscht ungefähr dreimal pro Woche an der Tür vorbei, andere Kollegen rauschen noch viel häufiger vorbei, da sie z.B. nicht den anstrengenden Weg von Etage3 bewältigen müssen, sondern auf Etage4 stationiert sind. Ein einziges Gerausche, und fast ausnahmslos alle glotzen im Vorbeirauschen in das Heldinnenbüro, davon die meisten, ohne irgendwas zu sagen wie z.B. „Na, ist XYZ heute schon vorbeigekommen?“, oder: „Na, ....“ - hier bitte eine beliebige Variable einsetzen - , oder einfach: „Hallo!“

Als ob nicht bereits der Vormittag die monatliche Türengeräuscheschallgrenze gesprengt hätte, war es am Nachmittag wieder mal soweit. Auftritt XYZ: Ein Rütteln an der Eingangstür, nichts passiert, wieder ein Rütteln, dann lautes Fluchen. „...quakquakquak... bahnhof...blöde formel, wieso geht das nicht einfacher, z.B. einfach die zuletzt gezogenen Lottozahlen eingeben...unglaublich ist das...menschenverachtend!!!!!“

Unter bis jetzt noch nicht geklärten Umständen gelang es dann doch, die Eingangstür zu sprengen, und als nun XYZ zum zweiten Mal an diesem denkwürdigen Tag hin und her vorbeirauschte, konnte die Heldin nicht mehr an sich halten. Es brach aus ihr heraus: „Verdammt und zugenäht, es reicht! Kannst Du nicht einmal, nur ein einziges klitzekleines Mal Dein Nordic-Walking-Training so einteilen, dass Du nicht blöde in mein Büro glotzt!?
Das wäre unendlich reizend, Danke!!!!!“

Das Unmögliche geschah: XYZ blieb stehen, hielt inne, starrte völlig konsterniert in Richtung Heldin. Ein hysterischer Aufschrei ertönte von dort: „Ich sagte, hör mit dem Geglotze auf!!!"

Der Rest ist Geschichte. Am nächsten Tag wunderte sich Kollegin ABC über merkwürdige Kratzgeräusche vom Fenster her. Zu sehen war zunächst nichts. „Da muss ich mich wohl verhört haben“, murmelte ABC zu niemand im besonderen, „war wohl nur so ein Türengeräusch vom Flur“. Aber so viele Türengeräusche konnte es gar nicht geben, da war doch ein Kratzen, und da war noch was, Schreck lass nach, was war das denn?! Ein Schatten, eine Gestalt, ein lebendes Wesen, sozusagen ein Lebewesen, das war ja XYZ! Besagte Kollegin hing schweißgebadet draußen am Fenstersims und versuchte mit letzter Kraft, mit den Fingerspitzen das Fenster zu berühren. Ihre Augen waren flehend auf ABC gerichtet. „Lass mich hereinrauschen“ schien ihr Blick sagen zu wollen. ABC – ganz solidarische Kollegin – riss das Fenster auf, packte XYZ und zog sie vorsichtig ins Büro hinein. „Liebe Kollegin, was ist denn in Sie gefahren? Sie haben doch nicht etwa den Türcode vergessen? Das kann doch jedem mal passieren.“ XYZ, immer noch ganz entkräftet und nach Luft schnappend jappste erstmal geraume Zeit nur rum. Dann kam nach und nach die ganze Wahrheit ans Licht. Vor lauter Schreck über die gestrige unsanfte Beendigung ihrer gewohnten Türöffnungs-, Vorbeirausch- und Glotz-Routine war sie völlig traumatisiert und traute sich nun nicht mehr durch die Eingangstür zu Etage4. Ein voller k.o.-Sieg unserer Heldin!


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